Istanbul 19.10 – 22.10.2020

zurück zur Übersicht

Dank der „300 Franken Swissair Aktion“ haben wir kurzfristig entschlossen, uns zu zweit für ein paar Tage in die 20 Millionen Stadt am Bosporus zu begeben. Wir fragten uns, was uns dort wohl erwarten wird: Slums à la Südamerika, kleine Osama’s, „schleierhafte Frauen“?

Die fast leere Swissair Maschine mit dem tollen Namen "Aargau“ brachte uns sicher in die Neue Welt. Nach der Landung die erste Ueberraschung: der Atatürk Airport ist einer der modernsten Flughäfen der Welt! Dann ging’s weiter mit dem Bus in die City auf Hotelsuche. Im Moscheen Viertel wurde man schnell fündig. So konnte es weitergehen mit der Ticketsuche für das grosse Stadtderby vom Sonntag: Besiktas-Galatasaray.

  Zu Fuss begaben wir uns ins zentral gelegene Besiktas Stadtviertel, denn mit Taxi oder Bus kommt man in der Rushhour sowieso nicht vorwärts. Beim Stadion waren nur ein paar Schwarzmarkt-Händler anwesend. Ein Junge erklärte uns dann den Weg zum Vereinsgelände. Als wir einer perfekt Englisch sprechenden Club Sekretärin erklärten, dass wir extra für dieses Spiel in die Türkei gereist sind, verkaufte sie uns für je 10 Franken 2 Tickets für den Heimblock. Zurück beim Stadion McDonalds trafen wir noch den Torwarttrainer von Besiktas, Eike Immel (wer ist das...?).

Am Samstag Morgen um 6 Uhr wurden wir von den unzähligen Moscheen rund um unser Hotel geweckt. Die Gebete werden über Lautsprecher auf die Strasse übertragen. Und jeder dieser Allah-Anbeter will wohl der lauteste sein. Dies 5mal am Tag, 7mal die Woche...

Dann ging es mit Tram und Taxi ins Güngören Beledyie Spor Stadion vom gleichnamigen 2. Ligisten. In diesem Stadion trägt Istanbulspor, der vierte Istanbuler Erstligist, dieses Jahr seine Heimspiel aus, da sie über kein eigenes Stadion verfügen. Zum Spiel gegen Samsunspor kamen rund 2’000 Zuschauer, davon waren etwa 2/3 für den Verein aus der 800 km entfernten Hafenstadt am Schwarzen Meer. Die meisten davon waren wohl Gastarbeiter in Istanbul. Ca. 200 Polizisten sorgten im uns ums Stadion für Ruhe. Zu unserem Erstaunen waren wir im Auswärtsblock gelandet. Ebenfalls in diesem Block waren zwei LEV-Hopper, die frühzeitig für ihr CL Spiel vom Dienstag gegen Fenerbahce in die Türkei gereist sind. Das Spiel war auf sehr tiefem Niveau und die Gäste gewannen verdient mit 1:0. Die Stimmung der Auswärtsfans war ansprechend, aber nicht überragend. Istanbulspor hat eigentlich gar keine richtigen Fans, obwohl sie Tabellenführer waren!

Nach dem Spiel ging es zusammen mit den LEV’s zum Abendspiel Fenerbahce-Antalyaspor. Die 60minütige Taxifahrt quer durch die Stadt und über die 1.6 km lange Bosporus-Brücke in den asiatischen Teil kostete gerade mal 15 Franken... Das Stadion, das zurzeit überdacht und auf 60'000 Sitzplätze umgebaut wird, war mit rund 30'000 Fans fast voll. Erwähnenswert ist der grosse Supermarkt unterhalb einer Hintertor-Tribüne: MMM Migros! Einfach Kult, sogar die orange Farbe und das Logo ist gleich wie in der Schweiz... Fener ist der grösste und beliebteste Verein der Türkei. Auswärtsfans waren diesmal nur 20 im Stadion. Nach der 3:0 Führung von Fenerbahce kamen die Gäste noch auf 3:2 ran. Die Stimmung war für mitteleuropäische Verhältnisse sehr gut, aber wegen der schlechten Leistung der Fener-Spieler nicht fanatisch. Zurück ins Zentrum ging es nach dem Spiel dann per 20minütiger Schiff-Fahrt. Vom Bosporus aus hat man einen tollen Ausblick auf die Stadt. Bei Nacht sind alle Moscheen beleuchtet und davon gibt es in Istanbul über 3'000...

Nach ausgeschlafenem Rausch vom Samstag Abend (ja, es gibt sogar Bier!) ging’s Sonntag Nachmittag zum grossen Derby wieder ins Besiktas Stadtviertel. Alle Sportzeitungen schrieben fast nur über Besiktas oder Galatasaray. 2 ½ Stunden vor Anpfiff war das Stadion schon fast voll und draussen waren die Schlangen vor einzelnen Eingängen wegen rigorosen Eintritts-Kontrollen zum Teil noch über 100m lang! Die offiziellen Eintrittspreise lagen bei 10 – 175 Franken. Ein halbes Vermögen für einen türkischen Arbeiter! Die Kapazität des Stadions wurde vor ein paar Jahren auf 30'000 Sitzplätze reduziert. Doch die Sitze reichten weit und breit nicht aus. Der Heimblock war völlig überfüllt! Scheiss UEFA mit ihren sinnlosen Sitzplätzen! Wir fanden am Rande noch zwei Plätze mit guter Uebersicht auf Auswärts- und Heim-Kurve. Die 1'600 zugelassenen Galatasaray Fans wurden in einen kleinen Block auf der Gegenseite gezwängt, umgeben von rund 500 Polizisten.

Zu Spielbeginn warfen die Besiktas Anhänger einige Tausend Papier-Rollen aufs Feld. Tolles Bild! Doch die Zeiten, als noch das ganze Stadion voll Bengalen war (und die Papier-Rollen entzündeten), sind wohl auch in der Türkei vorbei. Nur im Away-Block wurden ein paar davon gezündet. Nach rascher 2:0 Führung für den Daum Club Besiktas bebte natürlich das Stadion. Alle inkl. der Haupttribüne hüpften und sangen miteinander. Bei solchen Szenen weiss man wieder, warum man für ein Fussballspiel tausende von Kilometer zurücklegt! Nach der Pause drehte Galatasaray auf und glich zum 2:2 Endstand aus. Jetzt waren nur noch die Away Supps zu hören: Cim Bum Bum, Galatasaray!!! Vor dem Spiel wurden die Auswärts-Spieler mit Gegenständen beworfen, am Schluss die eigenen! So schnell kann es gehen. Und für Kokser-Christoph sieht die Zukunft auch nicht gerade rosig aus... Die Away-Fans erhielten dann Blocksperre und alle Besiktas-Anhänger inkl. der Kebap-Verkäufer mit ihren kleinen Handkarren wurden von den rabiaten Gesetzeshütern von der Stadion-Gegend vertrieben! Auch uns blieb nichts anderes übrig. Aber das war für unsere Sicherheit wohl auch besser...

Am Montag vor dem Rückflug reichte die Zeit noch für einen Basar-Besuch. Musso würde sich bei den unzähligen gefälschten Markenkleidern (inkl. Lonsdale und Pit Bull!) richtig wohl fühlen. Wir wurden auch Zeuge, wie ein junger Dieb von der ganzen Meute auf offener Strasse in Selbstjustiz blutig geprügelt wurde... Ob damit die EU einverstanden wäre?!

Fazit dieser Reise: geile Stimmung beim Derby, eine sehr schöne Stadt wie aus einer anderen Welt, Kebap für 50 Rappen, die meisten Frauen tragen gar keine Schleier, alle sind wirklich gastfreundlich und man wird nirgends betrogen oder blöd angemacht (warum sind die in der Schweiz nicht so?)!

 

PANDA